Inhaltsstoffe 3/5: The Dark Side of INCI
Warum Silikone, SLS und Glycerin schaden
In unserem Salon ist die Analyse der INCI-Liste (International Nomenclature of Cosmetic Ingredients) der wichtigste Schritt bei jeder Haardiagnose. Oft kommen Kundinnen zu uns, weil ihre Kopfhaut juckt, der Ansatz extrem schnell nachfettet oder die Haarlängen trotz ständiger Pflegekuren immer spröder werden. Die Ursache für diese strukturellen Probleme liegt fast immer im Kleingedruckten der verwendeten Produkte.
Heute beleuchten wir die "Dark Side of INCI". Wir schauen uns drei der am häufigsten verwendeten Inhaltsstoffe in der Kosmetikindustrie an und klären aus chemischer und handwerklicher Sicht, warum sie der Haargesundheit massiv schaden.
Was sind eigentlich Silikone?
Silikone (in der INCI-Liste oft erkennbar an Endungen wie -cone, -conol oder -siloxane, z. B. Dimethicone) sind der absolute Standard in der konventionellen Haarpflege. Sie sind sehr billig in der Herstellung und erzeugen sofort einen spürbaren Effekt: Das Haar glänzt extrem und lässt sich mühelos kämmen.
Das große Problem ist, dass Silikone das Haar nicht pflegen, sie versiegeln es. Sie legen sich wie ein flüssiger, wasserabweisender Plastikmantel um den Haarschaft.
Bei jeder Haarwäsche lagert sich eine neue Schicht Silikon über die alte an. Das Haar wird immer schwerer und verliert seine natürliche Spannkraft. Natürlich wäscht sich auch immer wieder was vom Silikon beim Haarewaschen ab, aber leider ist der Build-Up Effekt trotzdem vorhanden.
Weil dieser Mantel undurchlässig ist, können von außen nur noch echt schwer die pflegenden Wirkstoffe, Öle oder Feuchtigkeit in den Cortex (das Innere des Haares) eindringen. Das Haar "erstickt" unter der Silikonschicht und vertrocknet von innen heraus. Wenn der Silikonmantel irgendwann chemisch oder bei der Umstellung auf Bio-Kosmetik entfernt wird, kommt oft eine völlig kaputte, brüchige Haarstruktur zum Vorschein.
Sodium Lauryl Sulfate (SLS)
Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass ein Shampoo stark schäumen muss, dass die Industrie fast ausschließlich auf extrem aggressive, billige Tenside setzt. Der bekannteste Vertreter ist Sodium Lauryl Sulfate (oft auch als Sodium Laureth Sulfate oder SLES abgeschwächt). SLS wird aufgrund seiner enormen Fettlösekraft in der Industrie sogar als Garagenbodenreiniger eingesetzt und du wirst es so ziemlich in jedem konventionellen Haarkosmetikprodukt finden.
SLS unterscheidet nicht zwischen überschüssigem Schmutz und dem lebenswichtigen, natürlichen Säureschutzmantel der Kopfhaut. Es wäscht die schützenden Lipide komplett weg.
Durch diesen radikalen Kahlschlag gerät das Mikrobiom der Kopfhaut in Panik. Um die entfettete, nackte Haut zu schützen, starten die Talgdrüsen sofort eine Überproduktion an neuem Fett. Der Ansatz fettet extrem schnell nach – man muss die Haare noch öfter waschen, was die Barriere weiter zerstört. Gleichzeitig trocknen die Haarlängen durch das aggressive Tensid massiv aus.
Warum Glycerin das Haar austrocknet
Während Silikone und SLS vielen bereits als schädlich bekannt sind, versteckt sich der größte Feuchtigkeits-Mythos hinter einem Stoff, der oft als Wundermittel gepriesen wird: Glycerin. Es ist einer der billigsten Füllstoffe auf dem Markt und wird massenhaft in der konventionellen Naturkosmetik eingesetzt, um Produkte feucht zu halten.
Glycerin ist stark hygroskopisch – das bedeutet, es zieht Feuchtigkeit extrem an.
Glycerin benötigt eine hohe Luftfeuchtigkeit, um richtig zu funktionieren. Zieht das Glycerin keine Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft (was in unseren Breitengraden durch Heizungsluft im Winter oder trockene Klimaanlagen im Sommer fast immer der Fall ist), ändert es seine Richtung. Anstatt dem Haar Feuchtigkeit von außen zuzuführen, zieht das Glycerin die wertvolle Restfeuchtigkeit aus dem Inneren der Haarfaser (dem Cortex) an die Haaroberfläche, wo sie sofort verdunstet. Das Ergebnis: Die Haare werden durch die vermeintliche "Feuchtigkeitspflege" massiv dehydriert und entwickeln starken Frizz.
Warum pflanzliches Glycerin nicht besser ist als synthetisches
Oft wird im Bio-Bereich mit dem Begriff "pflanzliches Glycerin" (Vegetable Glycerin) geworben, um Kunden eine gesunde, natürliche Alternative zu suggerieren.
Aus chemischer Sicht ist das reines Marketing. Ob Glycerin im Labor synthetisiert wird oder als Nebenprodukt bei der Verseifung von Pflanzenölen entsteht – die chemische Struktur bleibt absolut gleich. Der Mechanismus ändert sich nicht. Pflanzliches Glycerin ist exakt genauso hygroskopisch wie synthetisches Glycerin und zieht unter den falschen klimatischen Bedingungen die Feuchtigkeit genauso unerbittlich aus deinen Haaren.
Wahre Feuchtigkeitspflege funktioniert nur über echte, pflanzliche und tierische Öle und Hydrolate, die das Haar nähren und die Feuchtigkeit im Haar einschließen, ohne sich wie ein Parasit an der Feuchtigkeit des Haares selbst zu bedienen.
Im nächsten Teil unserer Inhaltsstoffreise schauen wir uns Tenside und den Unterschied zwischen Zuckertensid und aggressiveren chemischen Tensiden an.